LOSLASSEN

3-teilige Serie. Fineliner und Marker auf Papier. 2017

 1000*3000 cm

 1000*2500 cm

los| las|sen  - Anfang, Ende; die Vorrausetzung für einen Anfang, Neuanfang und/oder ein Ende.

Eins
Loslassen. Ich denke ans Sterben. Es ist wohl so was wie der Maximalpunkt des Loslassens. Im Moment des Todes entspannt sich alles. Oft auch schon in Vorbereitung darauf, falls man um den nahenden Tod weiß. Alles Physische wird losgelassen, ausgeatmet, frei. Oft wird der Sterbende milder, weicher, versöhnlicher. Es ist, als ob das Wissen um den Tod die Spannung aus dem Leben nimmt. Das Kämpfen und Ringen beruhigt sich, ergibt sich vielleicht.
Auch wenn ich erlebe, dass ein Mensch stirbt, bin ich zum Loslassen gezwungen. Manchmal unsanft. Wie plötzliche Wehen, sehr schmerzhaft - bis ich aufhöre mich zu wehren, und das Loslösen annehme. Loslassen ist am allerersten Anfang und auch am letzten Ende des Lebens bedeutend, ja notwendig. Der Rahmen, der alles umspannt.

Zwei
Das alltägliche Loslassen sind die kleinen Tode, die wir Tag für Tag, Stunde für Stunde sterben. Müssen? Dürfen? Um lebendig zu sein! Kontrolle loszulassen, Unsicherheiten auszuhalten und sich unvollkommen, unwissend oder verletzlich zu zeigen – das sind die kleinen Sterbemomente, die scheinbar jeden Tag anfragen, wie gut wir loslassen können.


Drei
Ständig wollen, sollen oder müssen wir etwas loslassen; Träume, Wünsche, Beziehungen, Orte, Heimat, Ideen.
Im Prozess des Loslassens liegt oft ein Konflikt zwischen Kopf und Bauch. Los Lassen ist ein Akt, ein körperlicher. Ist Anstrengung. Liegt irgendwo zwischen Hüftschwung, Schüttelfrost und Holzhacken.

Vier
Es gibt noch den schönen Begriff ‚laisser faire‘, bezeichnender Weise allerdings nicht auf Deutsch. Nicht loslassen können, hat viel mit dem Wunsch nach Kontrolle zu tun und hat eine zwanghafte Facette. Das Wörtchen ‚Los!‘ kann ein nerviges Kommando sein, dem man sich lieber entzieht. Etwas zu lassen scheint nach aussen passiv, kann aber mit schweren inneren Kämpfen einher gehen.

Fünf
Da ist Etwas, das hatte ich in der Hand. Dann habe ich losgelassen und es ist zerbrochen. Später hörte ich immer wieder lass los, gib auf! Aber ich habe mich in meinem Inneren festgebissen, weil ich doch immer wieder denke:
lass los und es zerbricht !

Sechs
Nichts. Der Versuch, nichts zu denken, scheitert. Tausend Dinge gehen mir durch den Kopf. Bilder und Vorstellungen von mir selbst loslassen. Nicht mehr vor mir hertragen, weil ich meine, so und so zu sein. Es ist wie es ist. Vor dem Loslassen kommt der Fall. Die Verzweiflung. Der Aufschrei.

Sieben
Loslassen. Auf halber Strecke umkehren. In die entgegengesetzte Richtung fahren.