Hubert Portz | auf Erkundung

Das Herz von Anne Deuter schlägt für die Zeichnung und das Künstlerbuch mit eigenen Texten. In ihren grafischen Arbeiten steht die Erforschung und Artikulation von Gefühlen über den (menschlichen) Körper, dessen Bewegungen und Gestiken, im Fokus. In dem, was sie zu sagen hat, geht es dabei immer auch um Zulassen und Festhalten auf dem weiten weißen Malraum, dem, was sie in die Welt setzt und dem, was sie im Schutz des Weiß bewahrt. Das, was sie verweigert, verlangt nach Mitdenken und intellektueller Arbeit der Betrachtenden.
Emotion ist für sie etwas, das sich im zwischenmenschlichen Raum als sichtbarer, gestischer Ausdruck zeigt. „Es ist ja alles auch sehr sichtbar. Wenn man es liest, kann man alles sehen, die Gemütsfassung, die Gefühle“, zitiert sie Pina Bausch. Anne Deuter misst der Körpersprache große Glaubwürdigkeit bei. Alles dringt nach außen und drückt sich aus. Jedoch nie ist bei ihr der Kopf das überlegene Körperteil. Im Gegenteil, er bleibt zumeist außen vor. „Das Erlebte überlagert und verdichtet sich gegenseitig“, erklärt sie in ERINNERUNG (EN) SAMMELN. Etwas anderes als das, was sichtbar ist, gibt es nicht. Wer die Regeln und die Grammatik dieser Gesten kennt, kann sie lesen.
Anne Deuter konzentriert sich auf Fragmente, gegenwärtig bevorzugt Hände und Körper. Über das Andere schweigt sie sich aus und nutzt mit Raffinesse Weißfläche. Gerade mit dieser Askese schafft sie eine enorme Dichte. Dieser Freiraum zwingt zur Grenzziehung im Unbestimmten. Er zentriert die Aufmerksamkeit. Hier kann der Betrachter sich frei entfalten und seine Erinnerungen, Vorstellungen und Illusionen schöpferisch-kreativ lebendig werden lassen. Sie hält sich diskret zurück.
Wesentliche Aspekte ihrer Kunst sind der Charme des weißen Schweigens und ihr ausgeprägter Sinn für das Poetische. Das Wesentliche, so lässt sich behaupten, das ist für sie als Mensch und Künstlerin zuvörderst die Kontakt suchende, spürende, begehrende Hand. Es ist eine Disziplinierung des sinnlichen Begehrens auf Hände, die sich in Dilemma zwischen Halten und Loslassen, zwischen zeichnend festhalten und offen lassen, bewegen. Die Zeichnung ist für sie ein Medium, um flexibel und adäquat mediale, literarische und poetische Berührungen auszuloten. Sie arbeitet auch mit eigenen Texten, bevorzugt Gedichten. Mit anderen Worten: Sprachkörpern.
Das Buch ist ihr der wesentliche künstlerische Raum. Es ist Archiv, Werkstatt, intimes Zuhause für eigene lyrische Reflexionen zwischen schützenden Klappen. Vorrangig ist die äußere Gestalt, d. h. die Form. Sie formt nicht die Inhalte. Der Inhalt bleibt der, der er ist. Anne Deuters Künstlerbücher, so heißt es, „berühren durch ihre konzentrierte, konzeptionelle Fügung. [...] Jedes der handgroßen Kleinodien ist ein intimes, nach außen verschlossenes, poetisches Gesamtkunstwerk, das selbst im Aufblättern nicht jedes Geheimnis preisgibt.“ Das sind, so darf man behaupten, zärtliche, intime Liebesbekenntnisse in Text, Bild und Buch. Es ist gestalteter Raum, in dem Poesie und Selbstreflektion Hand in Hand gehen.

DAS WESENTLICHE ist eine Werkreihe von drei Bleistiftzeichnungen aus 2016. Das sind Die Leiden des jungen Werthers, Zement und vor Ort. In Die Leiden des jungen Werthers gind der Impuls von einer Aufführung im Maxim Gorki Theater Berlin aus, wo Anne Deuter im Bereich Theatermalerei und Requisite hospitierte. Ihre Zeichnung, das ist, auch wenn es auf den ersten Blick so erscheinen mag, keine unfertige Szene. Anne Deuter verzichtet auf eine modische Aktualisierung. Sie kreiert einen offenen Beziehungsraum, der den Betrachter zur eigenen Gestaltung anregt und herausfordert. Alles manifestiert sich im Zauber der Fragmente, die die Künstlerin mit eigener Hand sparsam aufs Papier strich. Welche Bedeutung Die Leiden des jungen Werthers in ihrem eigenen Liebesroman, will heißen in ihrer eigenen Wirklichkeit haben, bleibt offen. Anne Deuter konfrontiert mit der Darstellung einer Dreiecksbeziehung. In ihrer Version der Verliebtheit einer unver- schämten Jugend rückt sie dabei pointiert die Hände in den Vordergrund.
Es ist weder eine Waffe zu sehen, noch ein Suizid dargestellt. Es fließen weder Blut noch Tränen. Hier schreibt keiner Briefe, Emails oder SMS, hier twittert keiner. Hier grübelt kein Kopf. Hier sprechen vorwiegend Hände. Sie reden von Inbesitznahme und auch von Dominanz und Unterordnung.
Der Schauplatz der überzeitlich verorteten Dreiecksgeschichte liegt im Irgendwo und Überall. Eine Frau ist der Mittelpunkt der Dreierkonstellation. Diese Frau steht nicht mit den Füssen auf dem Boden. Ihr Körper scheint in der Schwebe. Während ihr Körper gefangen in Armen der Liebe steckt, scheint sie mit den Gedanken woanders. Ob‘s sich dort wohl ruht, wer weiß das schon.
Und wir sehen, dass Lotte, wie auch Werther und Albert, den Kopf und ihr Gesicht schon verloren haben. Sie, das Objekt des Begehrens, steht zwischen den Männern. Ihr rechter Oberarm umarmt in Brusthöhe den Kopf Alberts. Ihre linke Hand ruht zart auf dessen Schulter. Er kniet vor ihr und schlingt seine Arme wie Taue um ihre Oberschenkel. Er hält sie im Zaum. Außer der gebrochenen Silhouette von Alberts Unterkörper ist von ihm nichts zu sehen. Die Stille und Ruhe im Bild wird von Werthers hemmungslosem Zugriff gestört. Er steht hinter ihrem Rücken und zerrt mit der rechten Hand leidenschaftlich an ihrem Kleid. Ansonsten ist auch von ihm nur wenig im Bild, nur sein langer Hals und sein kleines Ohr. Doch hier herrscht Sprachlosigkeit. Hier gestikulieren Hände, das sind greifende, umarmende und berührende. „Bewegung ist Ausdruck des menschlichen Geistes. Jeder Bewegung liegt eine Kraft zu Grunde“, heißt es bei Leonardo da Vinci.  
Zwischen Werthers greifender Hand und Alberts Umarmung steht Lotte still. Sie hat begriffen, dass Kopf und Herz nicht in Einklang zu bringen sind und es hier und jetzt kein Entkommen gibt. Noch bleibt vieles möglich. Und vielleicht stellt sie sich ja die Frage: Wem gehört mein Leben?
Es gibt keinen Grund, sich zu beeilen. Wer weiß schon, ob sich die Kräfteverhältnisse nicht ändern. Und wer weiß, wie sie sich verschieben, die Kräfte, „von denen du nicht weißt, wann sie enden und wo welche berge sich erheben werden aus den ebenen von gestern.“ Es bleibt viel Raum für Phantasie und Inspiration. Stellen wir uns einfach vor, sie nimmt irgendwann ihr Herz in die Hand und sagt: Ich bin dann mal weg oder ich mach mein Ding.

In der Bleistiftzeichnung Zement, 2016, ist eine Frau in Weiß zu sehen. Sie steht kopflos und ohne Füße da und streckt ihre Arme zur Seite. Es scheint als habe sie den Kontakt zum Boden verloren und suche die Balance zu wahren. Sie steckt im Leben fest. Im Hintergrund breitet sich ein Teppich aus. Träumt sich weg?
„Wir sehnen uns danach, unser Fleisch aneinander zu reiben. Die Luft steht wie Beton neben uns“, heißt es in dem gleichnamigen Theaterstück Zement von Heiner Müller, aufgeführt am Residenztheater München unter der Regie von Dimiter Gotscheff, von dem der Impuls zu der Zeichnung ausging.  
Die Schauspielerin Bibiana Beglau steckt in der Hülle in Weiß. Sie ist in die Rolle der Dascha Tschumalowa, die „ihr Zuhause und die Familie ihrer revolutionären Aufgabe opfert“ geschlüpft und stellt die Frage: „Wie lange wird es dauern, bis der Mensch ein Mensch ist? Diese Frau sagt: „Auf der Bühne können wirklich abstrakte Momente hergestellt werden, die die Luft so anzünden, dass für einen Moment die Welt kurz verrutscht.“
Anne Deuters Welt hat sie verrückt. Eingeklemmt zwischen den Zeiten, festgefroren zwischen Her- und Zukunft, stellt sich die Frage: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Eine, die auch Anne Deuter beschäftigt. Immer wieder.


2019 bringt die Künstlerin mit dem Bleistift Halten aufs Papier. Die Bleistiftzeichnung knüpft zweifelsohne an Das Wesentliche an. Es ist eine einfühlsame Zeichnung von fünf Händen und Armen mit zarten, eng aneinandergesetzten Linien. Die Zeichnung folgt noch radikaler der Verweigerung. Klar und fein skizziert hängt rechts im Bild ein Unterarm mit einer feingliedrigen Hand schlaff herab. Es ist eine linke. Vielleicht der Arm einer Frau. Es lässt sich ihr ein Körper anheften. Sie steht von vier Händen gehalten dem Betrachter zugewandt da.  
Vier Arme und Hände legen sich von hinten mit leicht gespreizten Fingern liebkosend um ein gestaltloses Weiß. Nichts als Weiß. Es sind offene, gleichwertige Umarmungen. Die Hände greifen nicht ineinander. Stellen wir uns vor, ihre Wärme ließe das Weiß schmelzen. Was bliebe, wenn die Frau einfach losginge?

aus: auf Erkundung, Ausstellungskatalog, Hochstadt in der Pfalz 2020