Olivia Golde | kein einzig buch hab ich von ihr – aber ihr wesen.*

in ihrem arbeitsplatz liegt schnee, der nicht kalt ist, nicht schmilzt. indes er fängt das licht. der schnee kommt aus ihren händen. er bleibt als eine spur, deckt auf statt zu, legt frei was unter dem blick der bewohntheit / gewöhnung sonst sich versteckt. es sind die kleinen münzen, der alltag, die nachbarschaft der dinge und menschen, welche eingang finden in ihre bücher.

da ist keine scham vor dem nahen, das vertraute darf das besondere sein. eine art von zuversicht, die klar und sachte ins papier sich legt, gewendet wird und blüht. an sich ist alles innen dunkel, hier aber ist es ein sich entfalten ins licht; ohne farbenpracht, weil jede losgelassene farbe ja doch gewalt auch, uferlos ist. raum entsteht für anderes. schwebend, nicht getragen von äußerer erwartung, eine präzise heimat, rar und spierlerisch. was sich nicht selbst sagt, entsteht in mir. die lücke fordert mich auf zur bewegung / regung. bücher und ihre räume sind auch umwege nach innen. ein wiedererkennen formt sich in der wanderung meiner hände von Halbschatten über Verräumte Erinnerungen zu Senfgelb. da ist eine haltung in sich selbst, eine art rücken / stil, wenn man will, der die gelassenheit zur auslassung hat. da ist eine haltung nach außen, gänzlich unprätentios, offen ohne gram und zärtlich fordernd das unbedachte in mir.
da sind einladungen, kooperationen, keine trophäen. ihr arbeitsplatz kennt keine überfrachtung, einig ist sich das material, und die worte legen tänzelnd sich hernieder. wie unverzagt noch die prägungen ins papier sich drücken, höflich beinah: mitteilungen an fingerkuppen. strukturen, die einleuchten. und mir ist sogar, da wär ein glucksen hin und wieder, ein fröhlicher schalk mit sprache. es ist ja doppelt persönlich / haptisch, das eigene schreiben, dem ein raum geschenkt wird, eine gestalt, die in ihrer konkretion lebendig macht.

*anne deuter über ryoko adachi
Leipzig 2018